Kolumne… Von der Entscheidung gut genug zu sein

Wenn ich manchmal ausversehen über eine dieser RTL2 OP-Sendungen drüber schalte, beobachte ich mit größter Besorgnis wie der kleine, völlig geistesverstörte, geldgierige Schönheitschirurg anfängt mit seinem Marker auf Frauen rumzumalen als wäre er Rembrandt oder sonst wer.
Ich möchte mich dann am Liebsten sofort in dieses Sprechzimmer beamen, das verängstigte Mädchen in den Arm nehmen, ihr ein bisschen frech die Haare zerwuscheln und sagen: „Haalloooo! Ich habe eine Neuigkeit: Du bist gut genug! Einfach gut genug! Genau so wie Du bist, selbst wenn deine Glocken deinen Bauchnabel umrahmen und selbst wenn deine Hüften so breit sind, dass Du nur noch längs herum durch die Haustür passt! Selbst wenn Du keinen Doktortitel hast oder vier Sprachen sprichst!“

In meinem hochaktiven, super effizienten, maximal produktiven und überaus liebenswerten Freundeskreis gibt es kaum eine Person, die nicht irgendetwas Grandioses auf die Beine stellt. Trotzdem beobachte ich immer wieder, wie wir es alle schaffen uns selbst dauernd in Frage zu stellen. „Hab ich jetzt genug Facebook-Freunde? Hab ich Cellulite in diesem Licht? Sind meine Ohren zu lang?“ Ständig versuchen wir alles zu optimieren, um sicher zu gehen, dass wir gut genug sind.

Es gibt eigentlich nur zwei Gefühle auf dieser Welt, für die wir uns entscheiden können:
die Angst oder die Liebe. Meistens haben wir große Angst, nicht gut genug zu sein. Wir können uns aber eben auch entscheiden, uns selbst so zu lieben wie wir sind. Um dann plötzlich auch jeden anderen lieben zu können, genau so, wie er ist.
Wer sich entscheidet, dem Nachbarn, der einem die Fahrradpumpe immer noch nicht wiedergegeben hat, zu verzeihen und sie ihm dann vielleicht auch noch schenkt (selbst wenn der alte Gartenzwerg-Polierer sie vielleicht gar nicht verdient hat), der liebt sich selbst. Denn er versteht, dass Angst und Wut die Sicht für die wundervollen Dinge im Jetzt verblenden. Zum Beispiel dafür, wie gut es sich anfühlt wenn man das allererste Mal in einen frischen Kaugummi reinbeißt. Oder wenn die Band nochmal für eine Zugabe rauskommt. Oder wenn alte Leutchen sich wie kleine Kinder benehmen.

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Natürlich ist das Leben oft wie ein unaufgeräumtes Kinderzimmer. Meist sieht es aus, als wäre der kleine Peter Hosenscheisser in seiner Latzhose durch den Raum gerannt und als hätte er in einem Tobsuchtanfall alles mit sich gerissen, was er in die Finger kriegen konnte. Und natürlich ist das manchmal verunsichernd. Aber wir können lernen, dass der kleine Peter auch nur Angst hat, dass seine Latzhose vielleicht nicht die Schönste ist. Und wenn wir uns daraufhin bewusst machen, dass jede Latzhose einzigartig ist und deshalb auch der kleine Peter in seiner wirbeligen Art sehr liebenswert ist, dann können wir auch im Chaos den ruhigen Blick bewahren.
Und die Liebe… Am Ende ist es immer die Liebe, die über alles siegt.

Wer sich für die Liebe entscheidet und wie ein tapferer – wenn auch am ganzen Körper zitternder – Ritter durch diese große, unsichere Welt schreitet, der wird vom Leben belohnt werden. Leben heißt nicht zu warten, dass der Sturm vorüberzieht.

Leben heißt lernen, im Regen zu tanzen!

Manchmal auch ganz alleine, vor einem riesengroßen Spiegel, um zu sehen, wie unfassbar großartig und unnachahmbar dieser einzigartige Booty-Shake doch ist!

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