Gruppentherapie einer Generation

Ja, wir wissen es: wir haben heute jede Menge Möglichkeiten. Und ja, uns steht die Welt offen. Vorausgesetzt – wir können uns entscheiden!

Manchmal ist es aber auch zum Verzweifeln. Denn so schön es auch ist, nicht nur in der Ausbildung, im Studium, sondern auch in der Freizeit jede Menge Möglichkeiten zu haben, es ist auch anstrengend und, ganz ehrlich zugegeben, es schüchtert ein. Umso mehr beruhigt es mich, dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin – diese Angst teilen anscheinend viele. Die Buchautorin Nina Pauer beschreibt sie sogar als eine Art Generationenproblem. Ihr Buch „Wir haben keine Angst“ wird somit zu einer Art Gruppentherapie einer, ihrer, meiner – unserer Generation.


„Die Chance meiner Generation war schon immer gleichzeitig auch ihr Fluch: Alles ist möglich! Uns alle plagt diese tiefsitzende, diese von Grund auf fertigmachende Angst davor, uns falsch zu entscheiden. Was, wenn wir im Job, in der Liebe, im gesamten Lebensstil ein falsches Jetzt leben, das das richtige Später verhindert?“
, schreibt Pauer, die in Hamburg und Bordeaux Geschichte, Soziologie und Journalistik studiert hat.

Da ich genau diese Gefühle kenne – am liebsten hätte ich drei Leben, würde 20 verschiedene Fächer studieren, jedes Jahr in zehn verschiedene Länder reisen, neue Sprachen lernen, in verschiedenen Jobs arbeiten, einfach alles einmal ausprobieren um mich letztlich für die eine Sache, das eine Leben RICHTIG zu entscheiden – habe ich mich in diesem Buch oftmals eins zu eins wiedergefunden. Gemeinsam mit den beiden Protagonisten Anna und Bastian erlebt man als Leser Höhen und Tiefen auf der Arbeit, in der Liebe, mit Freunden, Eltern und auch sich selbst. Ständig ist er da, der Druck, sich richtig zu entscheiden, richtig zu handeln. Und das nicht unbedingt, weil es die Gesellschaft von einem erwartet. Sondern vielmehr, weil man es selbst in der Hand hat. So viel Freiheit bringt eben auch Verantwortung und eine gewisse Last mit sich.

Nina Pauer schreibt herrlich selbstironisch und zudem emotional bewegend. Nicht selten fühlt man sich ertappt und schüttelt lächelnd den Kopf, weil die Autorin wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Wirklich austherapiert fühle ich mich – zugegebenermaßen – nach der „Gruppensitzung“ nicht unbedingt. Trotzdem hat mich das Buch ein wenig beruhigt. Denn während Nina Pauer dem Leser den Spiegel vorhält, kann er seine Situation unmittelbar und gleichzeitig aus der Distanz reflektieren. Auf einmal wird eines sonnenklar: Entscheidungen fällen ist in der Tat nicht so einfach. Aber es ist ein wahres Geschenk, wenn man die Freiheit dazu hat. Und diese Freiheit sollte man sich nicht selbst kaputt machen, indem man sich ständig stresst. Jede Erfahrung bringt einen am Ende weiter. Auch, wenn es nicht von Anfang an die richtige war.

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