Geschenke für das erwachsene Selbst

Woran merken wir eigentlich, dass wir erwachsen werden? Daran, dass wir ungleiche Sockenpaare plötzlich selbst aus der Waschmaschine ziehen und im Supermarkt Jogurtetiketten nach künstlichen Inhaltsstoffen untersuchen? Oder vielleicht doch eher daran, dass wir auf einmal gesiezt werden, daran, dass man uns nach unserer Meinung zu einem komplizierten Sachverhalt fragt, daran, dass wir uns dabei ertappen, wie wir resigniert den Kopf über „die Jugend“ schütteln?
Mag sein, dass eine Prise Spießertum, ein Deut Pragmatismus und ein Hauch von (zumindest subjektiv empfundener) Weisheit zu den ersten, ernst zunehmenden Anzeichen für das Ende unserer Jugend gehören. Aber ich glaube, da gibt es einen weiteren Aspekt. Zumindest habe ich ihn in den vergangenen Jahren immer öfter immer deutlicher bei mir selbst entdeckt. Denn: auch unser Kleidungsstil ist ein deutliches Indiz dafür, wie wir uns verändern und vor allem dafür, dass wir erwachsen werden.

Blusen? Niemals hätte ich die vor zehn Jahren auch nur angeschaut. Ein Cardigan zur Jeans? Viiiiel zu spießig. Nachdem ich früher am liebsten in Chucks und Jeans mit tellergroßen Löchern an den Knien umherspaziert bin (und meine Eltern damit immer wieder auf’s Neue in die schiere Verzweiflung getrieben habe), ertappe ich mich heute allerdings dabei, dass ich jeden zweiten Tag ein Blüschen aus meinen Regalen ziehe. Was ist passiert? Und vor allem: seit wann empfinde ich Blusen, Cardigans und Co. nicht mehr als die textile Verkörperung des erwachsenen Spießertums?
Tja, wirklich beantworten kann ich mir die Frage nicht. Anscheinend bin ich irgendwann auf dem Weg von Blumenkind über Rebell hin zur Dame selbst in die Langweiler-Falle getappt. Ein bisschen erschrocken hat mich diese Erkenntnis schon. Wobei ich an dieser Stelle natürlich auch maßlos übertreibe. Denn die Bluse ist natürlich NICHT die reine Verkörperung einer öden, erwachsenen Modewüste. Eigentlich, eigentlich eröffnet einem der Blick über den modischen Tellerrand der „Teen“-Jahre vielmehr ein ungeahntes Maß an Möglichkeiten.

Blüschen mit Perlenkragen von JAKE*S (by Peek&Cloppenburg)

Blüschen mit Perlenkragen von JAKE*S (by Peek&Cloppenburg)

H&M aus Madrid

H&M aus Madrid

Denn die Bluse gibt uns eine Vielzahl an Einsatz- und Kombinationsmöglichkeiten, gibt es sie doch in jedweder Form und Farbe, aus den unterschiedlichsten Materialien gefertigt, mit nahezu jedem denkbaren Muster verziert. Zum Erwachsenwerden gehört es dazu, auch modisch irgendwann nicht mehr nur aus Prinzip mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, sondern sich – zumindest im Job – auch ein Stück weit anzupassen. Und dabei muss man sich gar nicht immer in die eine, tatsächlich etwas unvorteilhaft steife Bluse zwängen.

In meinem Schrank stapeln sich mittlerweile zahlreiche Blusen und „Blüschen“. Je nach Stimmung und Anlass wähle ich clean, schlicht, edel oder verspielt. Ja, die Bluse gehört mittlerweile tatsächlich zu meinen Lieblingskleidungsstücken. Wer hätte das gedacht? Ich (früher) sicherlich nicht. Heute komme ich jedoch nicht umhin festzustellen, dass ich meinem erwachsenen Selbst statt ausgefransten Shorts oder einer neuen Tasche lieber ein Blüschen zum Geschenk mache, wenn es sich um etwas verdient gemacht hat.

Rüschen by VERO MODA und türkis mit weißem Kragen by ZARA

Rüschen by VERO MODA und türkis mit weißem Kragen by ZARA

Ein wenig Eleganz, klare Formen und Farben, dabei ein Hauch Verspieltheit – mit diesen Nuancen experimentiere ich generell gerne. Das Mädchenhafte, das dann und wann leicht Verträumte, das ab und an sogar alternativ Rockige, das sicherlich sind alles Überbleibsel meiner jugendlichen Findungsphase. Und mit diesen Elementen spiele ich weiterhin – auch, wenn ich (modisch gesehen) erwachsen geworden bin. Mein neues Faible für Blusen ist ein offensichtliches Indiz dafür. Genau wie die Freude daran, mich den einen Tag in Bluse und Blazer richtig businessmäßig auf der Arbeit zu fühlen, nur um am anderen Tag ganz relaxed im rosa Maxirock und verspieltem Seidenblüschen in den Sonnenuntergang zu spazieren.

Wer hat eigentlich je behauptet, dass Blusen immer weiß, steif und schlicht sein müssen? Ich sicherlich niiiieeeee.

Vorne MONTEGO (by Peek&Cloppenburg), hinten COS

Vorne MONTEGO (by Peek&Cloppenburg), hinten COS

H&M

H&M

This entry was posted in Fashion, Fashion Liebling, Kolumne, Lifestyle and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar