Gefühle zeigen

Jeder, der „was mit Medien“ macht, kennt das Problem, wahrscheinlich ist es in anderen Branchen nicht anders. Wir haben zu funktionieren. Gefühle? Bitte, nee, echt nicht. Wir sind tough, cool, ultrabelastbar. „Flexibel“ und „belastbar“ sind die typischen Einstiegswörter in Stellenanzeigen. Blöd nur, dass selbst der Härteste von uns immer noch ein Mensch ist. Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, dauergrinsen. Schon in der Modeschule wurden wir gelehrt, kein Tränchen zu vergießen. Man biss auf die Zähne, lächelte und versuchte erst zu Hause zu heulen. Wenns schief lief, endete es mit einem Klo-Sprint. Was mit 19 okay ist, ist im Berufsalltag mässig geil. Ich kann während eines miserabel laufenden Fittings nicht aufs Klo rennen. Während eines Shootings heulen, weil dem Model meine Sachen nicht passen, wäre auch irgendwie komisch.

„Wie schlecht es mir geht, erkennt man immer an meinem Lippenstift!“ Dies sagte eine meiner Chefinnen mal zu mir und es hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn es stimmt. Läuft meine Welt überhaupt nicht rund, will ich mich am Liebsten in einer Höhle verkriechen, packe ich stattdessen Farbe aus. Pinker Lippenstift trifft bunte Ketten und Aztekenmusterjacken. Ich werde farbenfroh und die Welt wieder ein Stückchen besser.

„Wir machen Mode, wir retten keine Leben.“ Ein Satz aus meiner Praktikantenzeit. Perfekt für die Bodenhaftung. Ich liebe, was ich tue. Jeder der mich kennt, weiss, wie gern ich arbeite. Rumheulen nützt nix, meist muss es weiter gehen, Wunden lecken ist was für Anfänger. Wenn ich gleich in meiner Farbenpracht lächelnd zur Arbeit gehe, werde ich fröhlich begrüßt werden, weil Farbe einfach gute Laune macht. Und meine kleine Welt wird wieder ein kleines Stück besser sein.

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