Eine neue Erfahrung

Vor einem Fotoshooting sitzen wir oft zusammen und überlegen uns die aberwitzigsten Dinge. Oft fallen Sätze wie: „Wir könnten mal Richtung Fetisch gehen.“ „Hmm.“ „So Lack, Leder oder Bondage.“ „Stimmt schon.“ Das Problem ist, jeder, absolut jeder Fotograf, Visagist oder Stylist hat etwas in der Richtung im Portfolio. Das Thema ist schon so „abgenutzt“.

Vor dem Shooting mit Nikolaus überlegten wir uns zum Beispiel, wie lustig ironisch es wäre, eine Parodie auf Markus Schenkenbergs Bild aufzunehmen, auf dem zehn Hände an ihm herumschminken, zupfen und frisieren. Nur könnten wir das mit Bondagetape und grabschenden Händen inszenieren. Dann hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Tags drauf überlegt man sich schon, ob er das mitmacht. Fragen kann man ja mal.

Gesagt, getan, steht der Gute nun bereitwillig vor mir. Ich darf fesseln. Nice! Im ersten Moment. Dann fällt mir auf, dass ich jetzt – von den Anderen beobachtet – ein fünf Jahre jüngeres Male Model fototauglich fesseln werde. Oder besser sollte. Nicht rot anlaufen Julia, du schaffst das. Mein erster Versuch sieht gut aus, fürs Erste macht sich Erleichterung breit. Bis dieser Satz fällt: „Du weißt schon, dass ich nur zur Taille fotografiere?“ Ähm… Ja. Also ein nächster Versuch, vorher erstmal entfesseln und dabei nicht rot werden, was definitiv schwerer ist. Immer kompetent wirken. Immer.

Die Hürde ist gemeistert, unser Model steht gefesselt auf Position. Unsere Nägel sind bereits schwarz lackiert, für kleine Ideen kann man schlecht direkt fünf Handmodels buchen (vielleicht sollte ich an dem Punkt erwähnen, dass man bei einem Fotoshooting immer davon ausgehen muss, im Dreck zu stehen, sich hinzuknien oder zu legen o.ä. für das perfekte Bild. Ich stand schon auf Dächern, die nur über rostige Leitern zu erreichen waren, kniete im Schlamm oder stand 13 Stunden bei 35 Grad in praller Sonne. Spontanes Opfern des eigenen BHs auf offenem Feld, da das Model in bunter Wäsche erschien, kam in meinen Anfängen auch schon vor. Man sieht also nicht unbedingt rattenscharf aus bei so einem Shooting). Also klar können wir jetzt auch ganz lässig das Model befummeln. Auf Holzkisten stehend legten wir also Hand an. Sehr zum Vergnügen unserer Fotografin. „Ich kann jetzt nicht vier Hände in den Haaren gebrauchen!“ Na gut, der Kerl hat ja auch nen Hals.

„Ihr müsst sexy Hände machen!“ Ich hab das echt unterschätzt. Du stehst in Chillklamotten auf einer Holzkiste und sollst einen wildfremden Kerl an den Brustwarzen befummeln. Du sollst pure Begierde mit deinen Händen ausdrücken, aber es wäre unglaublich unprofessionell, jetzt angetörnt zu gucken. Verlangen nur in den Händen… Das jetzt bitte 20 Minuten lang mit verschiedenen Handpositionen. Dabei hat man vieeeel Zeit nachzudenken. Ist es eigentlich Fremdgehen, einem fremden Kerl zu befummeln? Ist ja beruflich. Macht es das nicht irgendwie schlimmer?

Auf jeden Fall habe ich nach diesem Tag einen Höllenrespekt vor Körperteilmodels. Ganz ehrlich.

6Fotografin: Nena Jägersberger

Haare & Make-up: Edita Poturak

Styling: Julia Mayer

Model: Nikolaus

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