Eine Gegenrede zu Julias Poetry Slam

Achtung: An alle, die heute keine Lust haben, sich wütende Gedankenergüsse reinzufahren und lieber bisschen was über Feenstaub lesen wollen (über den ich sonst wirklich gerne in aller Ausführlichkeit berichte), die sollten hier nicht weiterlesen.
Denn heute bin ich sauer. Ich bin sauer auf mich selbst, weil ich bisher genau der Idee nachgelebt habe, die Julia Engelmann uns derzeit aus jedem erdenklichen Kanal „vorslamt“. Und ich verstehe nicht, warum es das Gedicht sogar brauchte, um mit einem trotzigen Aufruf dagegen zu halten.

One day Baby we’ll be old… and think of all the stories that we could have told!?
Ich glaube, ich kann mit geschwollener Brust von mir behaupten, dass ich so viele geile Stories auf Lager hab, dass Chuck Norris der Turnbeutel gefriert, wenn er sie hört.
Aber jetzt mal Titten auf den Tisch: Wie geht es mir denn – ganz ehrlich – so als Mensch mit maximal effizient, ausgereizter Zeit, der alles aus jedem Moment quetscht?
Bin ich glücklich? Dreiundachtzig Prozent meiner „Bucket-List“ ist abgehakt. Wie alles in meinem Leben habe ich diese „To-Do“ Liste fokussiert und effizient abgearbeitet, bin unfassbar viele, ätzende Kompromisse eingegangen und musste unschöne Entscheidungen treffen, um ja meine Lebensziele erreichen zu können. Und während ich einen Punkt emsig abfeierte, plante ich im Kopf schon wieder ganz durchstruktiert die Umsetzung des nächsten Hakens auf der Liste. Und ja, ich habe infernoartig jede Fete gefetzt, habe meine Neujahrs- „Slim Fast“ -Vorsätze akribisch umgesetzt, habe mich durch dicke Wälzer gequält…
Aber macht mich das glücklich? Ich bin stolz, sicher. Ich glaube Stolz ist kein Anagram für Glück, auch wenn es im ersten Moment vielleicht danach aussieht.
Und natürlich liegt in jedem großen, besonderen Moment ein Zauber, der mich immer wieder erfasst. Aber er liegt eben auch in den kleinen, unscheinbaren Momenten.

cookie-monster-wisdomSicher bin ich einfach noch zu jung, um mit einer selbstgeilen Genuugtuung auf meine Geschichten zurückzublicken, noch immer zu rastlos und getrieben…
Sicherlich ist auch das der Grund, warum ich heimlich denke, ich bin ein fauler Nichtsnutz, wenn ich abends dann doch mal nur vor ’nem Serienmarathon die Bude zergammel. Ich könnte ja schließlich später noch mehr Stories erzählen, wenn ich mich endlich von der Couch losschweiße. Und ich könnte natürlich immer, immer was verpassen. In solch unschönen Momenten des Selbstzweifels frage ich gerne mal meine fast 90-jährige weise Großmutter, was sie im Leben nochmal anders machen würde, um ja keinen ihrer Fehler zu wiederholen. Das Merkwürdige ist nur, dass sie dann gar nicht sagt, sie hätte mal einen Marathon laufen sollen oder noch steilere Parties feiern sollen. Dann sagt sie nicht, sie hätte mal ihre Wampe nach der Schwangerschaft innerhalb von drei Wochen und nicht von sechs Monaten wieder abschwitzen sollen. Sie sagt mir dann so Sachen wie: Sie hätte mehr im Jetzt leben sollen. Weniger grübeln und weniger in Frage stellen. Sie sagt, sie wünscht sich, sie hätte den Moment mehr genossen, in jedem Moment.
Daraus schließe ich in meinem nicht mehr ganz so jugendlichen Leichtsinn, dass es ja scheinbar völlig Latte ist, ob ich dann vor der 186. Folge Dexter verranze oder den Kilimandscharo besteige, solange ich es knorke finde und auch mal innerlich, feierlich dazu stehen kann, wie nice ich mich gerade fühle.

Es hat den Anschein, als treffe Julia Engelmann den Nerv einer Generation.
Meiner Generation. Wir alle scheinen unser Leben als ungenügend, uns selbst als faul und überhaupt unsere Zeit als zu kurz bemessen zu empfinden.
In diesem Kosmos von emsigen Bienchen wollen wir alle unsere Zielvorgaben fleissig abarbeiten, um noch eine Story mehr in Petto zu haben. Um sie dann bei Instagram hochzuladen und stundenlang auf Herzchen zu hoffen, die uns bestätigen, dass unser Leben doch nicht nur die pure Zeitvergeudung ist. Das Blöde ist nur, dass wir auch dann nicht zur Ruhe kommen, wenn wir 324 Herzchen abgesahnt haben und mit letzter Kraft alles rausgeholt haben, was unsere Maschine so hergibt. ‚Hab ich die Zeit auf dem Klo grad sinnvoll genutzt? Hätte ja auch noch ne Mail an meinen Chef dabei schreiben können…’

Was uns fehlt ist nicht die Zeit, in der wir noch mehr aus ihr machen können, sondern das Innehalten. Und, dass wir uns einfach mal schlicht akzeptieren für das, was wir sind und nicht für das, was wir aus unseren Möglichkeiten gemacht haben. Indem wir uns daran erinnern, dass wir nur Menschen sind, die „leider, leider“ halt auch mal den Akku aufladen müssen zwischendurch.
Unser Leben ist kein Wartezimmer, sondern meist ein fantastischer Ritt auf einem wilden Bullen, selbst wenn wir gerade nur in der Nase popeln. Ein Ritt, bei dem wir vielleicht ab und zu auch mal absteigen müssen, um nicht alles vollzureiern. Ab und zu müssen wir den Adventure-Trip nach Indien einfach mal für die Kaffeefahrt nach Holland absagen, um dort an einen menschenleeren Strand zu kommen, an dem wir nichts hören als uns selbst.

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