Ein Leben ohne Handy?!

Als ich heute Mittag meinen Facebook-Account geöffnet habe, sprang mir eine „Neuigkeit“ direkt ins Auge: Freund xy hat einen Twitterbeitrag von Megan Fox „geliked“. In ihrem geistreichen Tweet wunderte sich die Hollywood-Ikone darüber, dass es für Menschen heute ein größeres Problem sei, ihr Handy zu verlieren als ihre Jungfräulichkeit.

Erst fand ich diesen Gedanken lustig, dann habe ich mich über diese überaus erleuchtende Mitteilung geärgert. Was für ein Schwachsinn! So materialistisch, oberflächlich und handyfixiert ist unsere heutige Gesellschaft dann doch nicht. Oder? Zumal dieser Hinweis von einer jungen Frau kommt, die die mediale Vermarktung ihrer eigenen Persönlichkeit perfektioniert hat. Der Spruch hat mich jedenfalls nicht mehr losgelassen und beschäftigt mich seither – aus Angst, Megan Fox könnte in einer Hinsicht Recht haben: Wir sind abhängig von unseren Mobiltelefonen.

Denn ob man Bus oder Bahn fährt, im Café oder Theater Platz nimmt – das Handy ist der stete Begleiter. Vielleicht auch der liebste Begleiter, in jedem Fall der vertrauteste. Unserem Smartphone vertrauen wir Sachen an, die wir nicht einmal Gott eingestehen würden. Würden wir an ihn glauben. Auch ich kann mich nicht davon lossprechen, dass mich ein ungutes Gefühl befällt, wenn ich auf dem Weg in die Uni oder in die Redaktion bemerke: In der morgendlichen Hektik ist das Handy auf der Kommode im Flur liegengeblieben. Ach du Schande…wie soll ich jetzt bloß den Tag durchstehen, wie die gähnende Leere am Nachmittag überbrücken?

Tja, das ist die große Frage. Was, wenn ich einen wichtigen Anruf verpasse? Oder eine lustige SMS nicht rechtzeitig lese, um mich darüber kaputt zu lachen und umgehend zu antworten? Auch wenn ich das nun schweren Herzens eingestehen muss (denn ja, ich bin ein wahrer Handyjunkie): Am Ende überlebe ich den Tag dann meistens doch. Eigentlich bin ich dann sogar regelrecht entspannt. Erstaunlicherweise. Oder etwa nicht?

Doch, denn wenn ich mein Mobiltelefon schweren Herzens zuhause weiß, dann wird mein Herz in dem Moment seltsamerweise gleichzeitig flatterleicht. Ob ich will oder nicht, ich kann mich ab dem Moment besser auf meine Arbeit konzentrieren, ich erledige meine Aufgaben schneller und wer hätte es gedacht: Ich bin entspannter und ausgeglichener. Denn da ist nicht das verlockende Blinken, dass mir sonst alle fünf Minuten signalisiert: Da ist eine neue Nachricht eingetrudelt, da hat jemand meinen Facebook-Beitrag kommentiert.

Eines habe ich festgestellt: So schön die Dauerreichbarkeit auch ist, das Handy stresst, solange ich es in meiner Tasche fühle. Bleibt es aber versehentlich zuhause liegen, verfliegt die Wehmut erstaunlich schnell. Mein Kopf ist frei – es ist fast eine Erleichterung – denn ich KANN jetzt gar nicht mehr antworten und MUSS es daher auch nicht. Ich kann einfach durch und in den Tag hineinleben, ohne ständig abgelenkt zu sein. Trotzdem habe ich es bisher nicht geschafft, mein treues Handy mal absichtlich zuhause liegen zu lassen. Warum eigentlich nicht? Warum tun wir uns diesen ständigen Handy-Stress selber an? Warum steigen wir nicht einmal aus diesem Dauerlauf aus?

Natürlich ist es toll, über Whatsapp, Facebook, Skype und SMS ständig mit unseren Liebsten in Kontakt zu stehen. Und seien wir mal ehrlich: Mit vielen unserer Freunde hätten wir nicht so regelmäßig Kontakt, gäbe es die Welt der iPhones und Samsungs und HTCs nicht. Denn es ist gar nicht so einfach, ständig mit den Menschen, von denen uns hunderte, teils tausende Kilometer trennen, zu telefonieren, geschweige denn, sie zu sehen. Da sind die sozialen Netzwerke und vor allem natürlich unsere mobilen Endgeräte schon eine Riesenhilfe. Auf der anderen Seite können sie die Qualität eines persönliches Telefonats oder einer Verabredung niemals ersetzen. Trotzdem hängt jeder jede freie Minute vor seinem kleinen Gerät, das den gesamten Lebensinhalt zu behüten scheint.

Dabei ist das ständige telekommunikative Frage-Antwort-Spiel auch Stress pur – und wir vergeuden viel Zeit damit, sinnlos auf den imaginären Tasten rumzutippen. Wir hetzen doch auch so schon völlig atemlos durch das Labyrinth unserer anonymisierten Gesellschaft. Wir haben genügend Verpflichtungen, aber einen Freiraum, den wir nur für uns haben, den nehmen wir uns nicht. Denn den füllt immer gleich unser Handy aus. Natürlich gibt es auch viele schöne Seiten an den technischen Errungenschaften Mobiltelefon und Internetflatrate. Aber ab und an muss man das Handy vielleicht auch mal in der Hand- oder Hosentasche lassen. Denn wir können auch ohne überleben, zumindest ein paar Minuten. Ganz sicher! Und wir sind immer noch wir, selbst wenn das Handy irgendwann mal verloren geht. Das hoffe ich zumindest. Es wäre doch schrecklich, wenn Megan Fox Recht behielte.

Nach diesen philosophischen Weltverbesserungsgedanken kam mir gerade eine Idee: Vielleicht lasse ich mein Handy morgen tatsächlich einmal absichtlich zuhause. Nur so aus Neugierde, ein kleiner Selbstversuch quasi. Wobei, wenn ich so darüber nachdenke: Vielleicht lasse ich es doch nicht liegen. Sicher ist sicher. Nicht, dass ich was verpasse.

Ohne Handy: möglich. Oder etwa nicht?

Ohne Handy: möglich. Oder etwa nicht?

This entry was posted in Kolumne. Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar