Detox deluxe

Panisch suche ich meinen Schlüssel. Die Tasche fühlt sich zu leicht an, es klimpert nicht und mir stellen sich die Nackenhaare auf. Da ertaste ich das Plastik meines Autoschlüssels und es fällt mir wieder ein: Die Radikaldiät meines Schlüsselbundes.

Drei sind mir noch geblieben von zeitweise bis zu zwölf Schlüsseln. Hinter mir liegt ein aufregendes Jahr. Nach über einem Jahr Pendelei zwischen zwei Wohnungen war es Zeit, dem ewigen Koffer packen, Auto beladen und morgendlichen Erwachen in dem Bewusstsein, dass man auf dem Weg zur Arbeit bei Rossmann wieder einmal „Notwimperntusche“ kaufen muss, Adieu zu sagen. Eigentlich ganz easy. Eigentlich…. Denn ich liebe meine Wohnung, meine Eigenständigkeit, ich kann mich auch nach sechs Jahren alleine noch freuen, mit mir nach Hause zu kommen. Gar kein Problem. Hereinspaziert in mein Puppenhaus, meine rosa Wirklichkeit. Wo an Geburtstagen Konfettischlacht im Wohnzimmer gemacht wird und ich in meinem Hamster-Overall auf dem Riesensofa chille. Die Mädchen-Single-Wohnung schlechthin, die ich jetzt verlasse. Schluss mit Komfortzone, aber jetzt muss Platz auf dem Sofa gemacht werden. Das übrigens nicht mehr mein Sofa ist. Das musste weg.

1aAnfangs unangenehm, wird man plötzlich ganz süchtig nach dem Gefühl, den Ballast abzuwerfen. Ein paar Fotos, ein bisschen Text und schon wird die verhasste Kommode abgeholt. Die Kommode, die schon nach der letzten Trennung keiner haben wollte und die einfach immer noch da stand, wo man sie mal gemeinsam hingestellt hatte. Nüchtern betrachtet war sie praktisch und bot Stauraum und man vergisst sie einfach. Und doch ist es verdammt geil, das Teil los zu sein.  Stück für Stück wird nicht nur die Wohnung leerer, sondern es kehrt auch Ruhe ein. Und der Blick ist frei für die wichtigen Dinge, die man plötzlich wiederfindet: Das Schokoladenfondue, den Schokobrunnen und die Zuckerwattemaschine. Ja, das besitze ich alles. Genau wie ein Miniraclette, eine Minifriteuse und mehrere Kilo Konfetti. Frau muss Prioritäten setzen. Nach dem Wohnungsdetox ist jetzt endlich Platz für die schöne Popcornmaschine im Vintagelook. Über die ich jetzt aber reden muss, denn ich bin ja nicht mehr allein. Ich komme mir dabei teilweise recht soziopathisch vor und überfordert. Grad hab ich Hunger. Wartet man da jetzt auf den Anderen? Das ist echt so ne ganz neue Kiste für mich. Und ich werd echt quengelig, wenn ich hungrig bin.

Beruflich war es Dienstag soweit. Projekt abgeschlossen. Büroschlüssel abgeben, Firmenwagen abgeben, Winke Winke machen. Da schluckt man erstmal. Zwei Monate waren traumhaft. Kostümbildassistenz bei einem historischen Film heisst im Klartext zwei Monate in wundervollen Kleidern wühlen, von denen jedes eine Geschichte hat. Und während ich hier noch mit Glitzer schmeisse und mich über mein Projekt freue, wird mir klar, dass ich keine Ahnung habe, was jetzt kommt.

Selbstständig sein ist für mich ein Geschenk. Es war nie ein überlegter, jahrelang vorbereiteter Plan, unbedingt mal sebstständig zu sein. Im Studium fand ich die Vorstellung echt gruselig. Allein der Papierkram… Es passierte so um mich herum, ich ließ es geschehen, war neugierig und probiere auch viel zu gerne aus, um „Nein“ zu sagen und „vernünftig“ zu sein. Plötzlich ist man Teil im Modekarussel und hüpft von Projekt zu Projekt und lässt keine Chance aus. Ich liebe die Aufregung, das Neue, die anderen Weggefährten. Aber ich gebe zu, dass obwohl ich soviel an meiner alten Wohnung geliebt habe, es jetzt das Tollste ist, dass egal mit welchen neuen Menschen ich jetzt wo arbeite und wie oft ich mich verabschieden muss, ich am Abend auf dem Sofa für denselben „alten“ Menschen ein Stück rutschen muss. Dass übrigens immernoch fremd ist, vielleicht weil noch kein Konfetti in den Ritzen klebt.

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